Sonntag, 6. April 2008

Želimir Žilnik presents: Kenedi

Zelimir-Zilnik
Vorgestern hab ich ja von Filmen, die von Krisenherden ganz im Westen und Osten Europas handeln, geschrieben. Doch auch dazwischen, ziemlich genau in der Mitte, gibt es ein nach wie vor wild umstrittenes Gebiet, aus dessen Zentrum dieses Jahr einige Filme Linz erreichen werden: Serbien (ohne Montenegro - aber mit Kosovo?...(wenn die Filme vor der Unabhängigkeitserklärung erschienen?)).

Dort, genauer gesagt in Neusatz an der Donau - oder korrekt gesagt, in Novi Sad - lebt jedenfalls der Regisseur Želimir Žilnik, der sich auf der Crossing Europe Webseite mit Hatschek, auf seiner überaus internationalen Webseite, die ausschließlich in englisch gehalten ist, stets ohne schreibt. Das ist insofern sehr gut nachvollziehbar, als dass bereits Zilniks (ich schreib ihn gerne international) erster Film, Rani radovi (Early Works), auf der Berlinale 1969 den Hauptpreis gewonnen hat. Er erhielt den Goldenen Bären für den Besten Film sowie den Jugendfilmpreis. Weitere internationale Auszeichnungen für spätere Filme folgten. Zuletzt wurde er 1995, erneut an der Berlinale, mit dem Teddy Award für den besten Film mit "schwul-lesbisch-transgenderen Hintergrund" ausgezeichnet: das Kriegsdrama Marble Ass. Insgesamt hat Zilnik bisher über 20 Spielfilme und rund 60 Dokumentarfilme hergestellt.

Sein bemerkenswertes Œuvre zeugt zum einen von seinem Gespür, den Zeitgeist filmisch einzufangen, und zum anderen von einer stets eigenständigen Position dazu. So romantisiert sein erster Film, radi radovni, Staatsführer Titos Vision von einem stalinistischen Jugoslawien - aber zugleich zeigt der Film deutlich die Einschränkungen, die dessen Verwirklichung in Jugoslawien erschweren, und auch, dass die Studentenrebellion mehr politische und sexuelle Freiheiten forderte, sodass der Film zwei Monate nach Kinostart doch noch als zu unbequem empfunden und aus dem Verleih entfernt wurde.

Die Unabhängigkeit seines Filmschaffens in der wohl politisiertesten Region Europas ist es auch, die Zilnik international Beachtung zukommen ließen. Als Dokumentarfilmer fing er sowohl die Juni-Unruhen in Belgrad 1968 als auch die Proteste gegen Milosevic 1997 ein. Einer seiner bemerkenswertesten Filme ist zweifellos Marble Ass (1995). Darin zeigt er das alltägliche Leben in Belgrad aus der Sicht eines Transvestiten, der einst vor dem Krieg als eine der exotischsten Personen der Stadt galt, aber nach dem Krieg und dem darauffolgenden Chaos schon fast als letzte Instanz der "Normalität" schien.

Kenedi-is-Getting-Married

Zilniks Filme stehen aber stets auch für einen humorvollen Umgang mit noch so ernst scheinenden Themen. Seine jüngste, Kenedi se zeni (Kenedi is Getting Married), tourt derzeit durch die Festivals Europas und kommt direkt vom Turiner Festival des schwulen und lesbischen Films nach Linz (wie seine Homepage verrät). Der realen Person Kenedi wurde von Zilnik eine semidokumentarische Trilogie gewidmet, die vollständig am Crossing Europe zu sehen sein wird. Zilnik schafft es mit Kenedi abermals, politische und gesellschaftliche Fragen unaufdringlich in einer Geschichte über das alltägliche Streben nach einem besseren Leben in (oder außerhalb von) Serbien zu verpacken. Kenedi verbrachte die 90er-Jahre zumeist illegal in der EU, bis er 2002 an der österreichisch-ungarischen Grenze aufgegriffen und monatelang in Schubhaft verbrachte. Im aktuellen, bislang letzten Kenedi-Film, geht es um den abermaligen Versuch, nach Europa zurückzukehren - und zwar durch eine Heirat mit einem EU-Europäer. Dies scheint ihm die einfachste Möglichkeit, nachdem er auf der Suche nach Arbeit im Sex-Business landete, wo er bald auch Männer als lukrative Kundschaft akzeptierte. Daher will er auf dem berühmten EXIT-Musikfestival seinen künftigen Ehemann finden...

Eine gute Quelle für weitere Infos über Zelnik ist auch diese Seite, auf der Zilnik und seine 2001 am Berliner Balkan Black Box-Festival gezeigten Filme beschrieben werden.

crossblog

Crossing Europe Filmfestival Linz // 22.-27. April 2008

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