Freitag, 18. April 2008

Wie viel Realität ist uns zumutbar?

Nach den Schwerpunkten "Schöne neue Arbeitswelt?", "Unsichtbare Gegner", "Firmenpolitik" und "Umbrüche und Aufbrüche" widmet sich die Programmschiene Arbeitswelten dieses Jahr dem zusammenhängenden Themenkomplex Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Arbeitslosigkeit in der "Festung Europa". In diesem Rahmen bekommt Thomas Heise abermals eine Art "Special", wie bereits zwei Jahre zuvor, als "drei Filme von Thomas Heise" im Panorama Special liefen. Wie bereits damals handeln Heises Filme auch dieses Mal von unangenehmen Entwicklungen der deutschen Geschichte seit dem Mauerfall wie Arbeitslosigkeit, soziale Verwahrlosung, Radikalismus (links und rechts) und Ausländerfeindlichkeit. Handlungsort ist hierbei zumeist Ostdeutschland, also die "neuen Bundesländer".

Mit Ostdeutschland hat Heise bereits vielfältige Erfahrungen gemacht. 1955 in Ostberlin geboren, begann er im Alter von 20 Jahren für den Film zu arbeiten. Ab 1982 als "freier" Regisseur tätig, hatte er dann aber so seine Probleme mit der DDR. Gleich seine ersten Dokumentarfilme wurden verboten, auch danach gab es trotz Engagements etwa beim Rundfunk der DDR immer wieder Probleme mit Sendegenehmigungen. Nach dem Fall der Mauer erreichte Heise mit seinem kompromisslosen Dokumentarstil bald größere Bekanntheit und auch seine Werke aus der DDR-Zeit wurden aufgeführt.

Sein erster bekannter Film, Stau - jetzt geht's los, entstand 1992 und dokumentiert den Alltag der rechtsradikalen Szene in Halle/Neustadt in Sachsen-Anhalt. Da er bewusst darauf verzichtete, die Gesinnung und Aktivitäten der Gruppierung zu kommentieren oder zu werten und es statt dessen allein dem Publikum überließ, sich eine Meinung über die dargestellten Personen und ihre Hintergründe und Motive zu machen, wurde er angefeindet und Vorstellungen sabotiert - von der linksradikalen Szene. Es gab Angriffe durch die Antifa. Man bediente sich also dem selben Mittel wie die NSDAP Anfang der 30er-Jahre bei Aufführungen von Im Westen nichts Neues.

So extrem ging es am Crossing Europe zwar nie zu, aber ich erinnere mich noch sehr gut an die Anfeindungen die es letztes Jahr gegen Garald Igor Hauzenberger gab, der in Einst süße Heimat nach ähnlichem Muster vorging. Von den zwei dokumentierten Personen der deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen (Transilvanien) bekannte sich einer klar und deutlich zu seiner nationalsozialistischen Gesinnung. Da auch Hauzenberger auf jegliche Kommentierung seiner Aussagen verzichtete, ihn einfach erzählen ließ und auch in offenkundige Widersprüche seines Denkens zu seinem Handeln (etwa der Freundschaft - die ohnehin mehr Ausnützung ist - mit rumänischen Nachbarn) laufen ließ, wurde auch er in der anschließenden Publikumsdiskussion von einigen Zusehern verbal stark angegriffen.

Ich war zuerst etwas überrascht, da ich mir nie wirklich erklären konnte, dass ein Mensch von der NS-Ideologie im Wissen all ihrer Bestandteile wie Rassenlehre usw. überzeugt sein kann. In dieser Dokumentation erhielt ich zum ersten mal Einblick in die abstruse Gedankenwelt eines überzeugten Alt-Nazis. Dass das, was er denkt, tat, tut und wieder tun würde verabscheuenswürdig ist, ist keine Frage. Aber wie ein Mensch dazu kommt, sich zu solch einer Ideologie zu bekennen, ist eine brennende Frage, die bis heute in Dokumentationen über die NS-Zeit und Nazis weitgehend ausgeblendet wird. Daher auch meine Überraschung über die reflexartigen Anschuldigungen, Hauzenberger fördere damit rechtes Gedankengut und man könne so einen Menschen nicht einfach drauf los reden lassen ohne seine Aussagen zu relativieren. Aber sollten wir als aufgeklärte Menschen nicht selbst dazu fähig sein, seine Aussagen abzulehnen, ohne dass das eine Stimme auf dem Bildschirm extra sagen muss? Sollten wir nicht viel mehr daran interessiert sein, wie sich so ein Mensch erklärt und rechtfertigt um dem Ursprung von NS-Gedankengut weiter auf die Spuren zu kommen? Gerade in dem Sinn, das Entstehen von Rassenideologien in Zukunft bereits im Ansatz zu erkennen und im Keim zu ersticken? Ist es wirklich besser, wenn Aussagen eines Nazis ständig als "falsch" oder "böse" kommentiert werden, anstatt dass wir uns selber eine Meinung darüber bilden? Sind wir denn dermaßen leicht manipulierbar, dass uns sowas nicht zugemutet werden kann? Klar könnte so mancher Zuschauer geneigt sein, Mitleid mit dem vereinsamten alten Mann zu haben. Aber das ist dann ein Gewissenskonflikt der einem nicht erspart bleibt, da man seine eigenen Werte vielleicht nochmal in Frage stellen sollte.

Wenn man meint dem Publikum keine unkommentierten Aussagen eines Alt-Nazis zumuten zu können, stellt sich die Frage über die geistige Reife die sich solche Personen selbst und Anderen zugestehen. Hanekes "Gewaltpornos" wie Benny's Video oder Funny Games werden ja mehrheitlich auch nicht als Gewaltverherrlichung aufgefasst, sondern aufgrund ihrer ungeschönten, unkommentierten Darstellung als umso abstoßender und widerlicher wahr genommen. Wobei Vorwürfe der Gewaltverherrlichung usw. natürlich trotzdem nicht ausblieben.

Wir werden ja sehen wie das Publikum in Linz auf Thomas Heise Neonazi-Dokumentationen reagieren wird. Wird bevorzugt, solche Leute aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verbannen und Selbstzensur zu üben, oder trauen wir uns, einen unkommentierten Einblick in die ostdeutsche Neonazi-Szene zu erhalten?

Nicht zuletzt im Vergleich mit den Ereignissen im letzten Jahr in Linz und jenen vor 15, 16 Jahren in Deutschland zu Heises Film bin ich schon sehr, sehr gespannt auf die Publikumsdiskussionen nach Heises Filmen.

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Crossing Europe Filmfestival Linz // 22.-27. April 2008

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