Wohin geht's?

Es geht um das Streben des Einzelnen, einen würdigen Platz in der Gemeinschaft zu finden, um Solidarität mit vermeintlichen Außenseitern, um die Zivilcourage, gegen menschenverachtende Prozesse anzukämpfen, um Um- und Aufbrüche in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft. Nein, diese Aussage stammt nicht von einem Sprecher einer kapitalismus- oder globalisierungskritischen Organisation, welche erst kürzlich, und zuletzt vorgestern (6.4.) auch wieder in Linz (siehe Bild: an der Abschlussversammlung im Volksgarten), zu einer Reihe von Demonstrationen aufgerufen haben. Nein, dies sind einige der einleitenden Worte der Festivalleiterin Christine Dollhofer in der diesjährigen Programmzeitung, mit denen sie auf die kultur- und gesellschaftspolitische Verantwortung eines Filmfestivals aufmerksam macht - und zur Diskussion stellt.
Als Festival des europäischen Autorenkinos - des (mehr oder weniger) jungen und innovativen europäischen Autorenkinos wohlgemerkt - wird Crossing Europe sicherlich auch dieses Jahr wieder von Filmen mit sozialer und künstlerischer Sprengkraft geprägt (Dollhofer). Diese Inhalte müssen nicht vordergründig sein und sich auch nicht sofort am Titel des Films erkennbar machen, doch hintergründig, tiefgründig, im Detail, im Gesamten, hat sicherlich eine Vielzahl der gezeigten Filme, wenn nicht sogar nahezu alle, eine gesellschaftspolitische Relevanz. Man nehme nur als Beispiel den Eröffnungsfilm (einer von Vieren) Muezzin, der von einem Wettbewerb um den besten Muezzin in der Türkei handelt (Türkei sucht den Super-Muezzin sozusagen). Welche politische/gesellschaftliche/soziale Relevanz hat das?
* Natürlich zum Ersten die im Zuge der EU-Beitrittsdebatte aktuelle Diskussion über die Zugehörigkeit der Türkei zu Europa. Eine Diskussion, die auch in Österreich heftig geführt wurde.
* Zum Zweiten erinnert sie manche von uns sicher an die innenpolitisch und in Boulevardmedien populistisch ausgeschlachtete Debatte um die Frage, ob in Österreich Minarette, geschweige denn Moscheen generell, gebaut werden dürfen - schreit dann der Muezzin vom Minarett? - Eine reale oder irreale "Angst", die wenn es nach den Boulevardmedien geht, viele Österreicher betrifft. Falls ja, können wir in diesem Film anhören, wie das klingen könnte.
* In weiterer Folge führt uns der Film gedanklich zum Islam und zu religiösen Bräuchen im Allgemeinen, zur türkischen Bevölkerung Österreichs im Speziellen. Das ganze kann dann noch viel detaillierter betrachtet werden, etwa hinsichtlich der Rolle des Mannes und der Frau in der türkischen Gesellschaft, in der islamischen Religion - und welchem der beiden Attribute (türkisch oder muslimisch) man die Ursachen für unterschiedliche Geschlechterrollen zuordnet.
Nur mal so als Beispiel... Die anderen drei Eröffnungsfilme, Alle Anderen, Home und JCVD, lassen gewiss ebenfalls gesellschaftlich, politisch, sozial oder einfach künstlerisch relevante Aspekte erkennen, die einem bei "einfachem" betrachten der Filme vielleicht gar nicht bewusst in den Sinn kommen, aber zumindest unterbewusst sicher verarbeitet werden. Ohne in diesem Beitrag noch weiter ins Detail zu gehen, nur noch ein paar Stichworte: Jean-Claude Van Damme, Actionheld, Männerbild (in JCVD offenbar unter Mitwirkung des Schauspielers selbstironisch verarbeitet - fragt sich nur wie). In Alle Anderen spielt offenbar beruflicher Erfolg und Misserfolg eine nicht unwesentliche Rolle (Stichworte: Kapitalismus, Leistungsdruck, gesellschaftliches Wertesystem, Lebensstil/alternativer Lebensstil...), und auch Home hat zwischenmenschliche Beziehungen, konkret die Brüchigkeit von Familienstrukturen (Stichworte: gesellschaftlicher Wandel, Umbrüche, wiederum gesellschaftliche Werte...), im Mittelpunkt der Handlung, an deren Beispiel die Veränderungen der Außenwelt ihre Folgen zeigen. Oder wie seht ihr das? ;-)
Otto Normalcrosser - 7. Apr, 22:07


