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Montag, 13. April 2009

Großes türkisches Kino...

...zu Gast beim 6. Crossing Europe. Die türkische Filmszene, die noch in den 80ern eine der größten der Welt war (1985 wurden 185 Spielfilme hergestellt), hat sich ab den 90ern auf einem relativ bescheidenen Niveau eingefunden. 2004 wurden 27, 2005 30 Filme hergestellt. Das ist in etwa so viel, wie in Österreich. Ähnlich ambivalent sieht es bei den Kinobesucherzahlen in der Türkei aus. Bei einer annähernd großen Einwohnerzahl wie Deutschland (72 zu 80 Millionen) verzeichnete das Land zuletzt knapp 40 Millionen Kinobesuche im Jahr, etwa ein Viertel dessen von Deutschland. Das erstaunlichste kommt aber jetzt: Diese Türkei, mit einer Filmproduktion im Ausmaß jener Österreichs, verzeichnete 2008 rund 60 % aller Kinobesuche auf diese, im Vergleich zur Größe des Landes geringe Zahl von Filmen. Das ist europaweit unangefochtener Spitzenwert. Zum Vergleich: In Österreich sahen 2008 gerademal 6 % aller Kinobesucher österreichische Filme - und das ist noch dazu ein absoluter Rekordwert, denn in einem normalen Jahr sind es eher 2 bis 3 %.

Was lernen wir also daraus? Die Türken mögen türkische Filme. Und zwar nicht unbedingt nur, weil sie eben türkisch sind. Jedenfalls nicht mehr als Franzosen gerne französische Filme schauen (Franzosen sind die patriotischsten Kinogeher Europas - neben den Türken). 2008 muss wirklich ein außergewöhnliches türkisches Kinojahr gewesen sein, denn in einem normalen Jahr liegt der Anteil türkischer Filme an den Kinobesuchen eher auf französischem Niveau (35 bis 50 %). Und dass im Vergleich zu früher nur so wenige türkische Filme hergestellt werden, liegt vielleicht daran, dass die schlechen Regisseure ihren Beruf aufgegeben haben ;-)

Womit wir (endlich ;-)) beim Punkt wären: Das Panorama Special - Young Turkish Cinema, das wir ab 20. April zu sehen bekommen, halte ich für ein absolutes must see. Alle 6 Filme dieses Schwerpunkts erzählen von sozial und/oder gesellschaftlich sehr relevanten, sehr interessanten Dingen. Vor allem die Familie steht jeweils im Mittelpunkt. Familien im Umbruch, Familien vor neuen Herausforderungen. Dabei mehrfach im Fokus: Kinder, heranwachsende Jugendliche, ihre Beziehungen zur Familie und zum anderen Geschlecht.

Iki Cizgi / Two Lines
(İKİ ÇİZGİ / Two Lines)

So erzählt Mommo / The Bogeyman von einer Familie, deren Mutter gestorben ist, der Vater neu geheiratet hat, der Sohn sich verliebt hat und die Tante Einwanderungserlaubnis nach Deutschland für die ganze Familie bewirkt hat. Doch die Zeit vergeht, das mit dem Aus-/Einwandern scheint aufgeschoben... der Sohn wird älter, seine petite copine, seine kleine Freundin, auch (mehr verrät die Kurzbeschreibung nicht ;-)).

Auch Tatil Kitabi / Summer Book erzählt von einer Familie, in dessen Mittelpunkt, zumindest filmisch, der zehnjährige Ali steht, der von seinem konservativen Vater rasch mit dem harten Leben da draußen, dem Geld verdienen (Ali soll das Verkaufen lernen), konfrontiert wird. Doch als die Mutter seinen Vater des Ehebruchs verdächtigt, gerät das ganze familiäre Gleichgewicht ins Wanken.

Und auch Süt / Milk hat eine Jungen, nach dem Schulabschluss, im Mittelpunkt. Eine mit schöner Bildsprache ausgestattete Erzählung von einem Burschen auf der Suche nach seiner männlichen Identität, konfrontiert mit Liebesbeziehungen seiner verwitweten Mutter.

Sonbahar Mit İKİ ÇİZGİ / Two Lines (Bild weiter oben) zählt auch eine Art Roadmovie zum Sortiment des Specials. Ein Pärchen, das sich auseinander gelebt hat, fährt auf Urlaub. Erst jetzt realisieren sie allmählich, dass ihre Liebe zueinander verflogen ist - untergegangen in der Realität des lähmenden Arbeitsalltags. Sonbahar / Autumn (dieses Bild) erzählt wiederum von einem nach langer Haft traumatisierten Mann, auf der Suche nach Erhellung, nach Liebe.

Und der vermutlich bekannteste, erfolgreichste Film des Young Turkish Cinema-Specials, ist Pandoranin kutusu / Pandora's Box von Yeşim Ustaoğlu. Der Film erzählt von drei erwachsenen Geschwistern, die ihre in einem Dorf am Schwarzen Meer lebende, an Alzheimer erkrankte Mutter suchen, nachdem sie unauffindbar aus ihrem Haus verschwunden ist. Im Verlauf des Films prallen die unterschiedlichen Vorstellungen von Leben der drei Geschwister aufeinander. Emotionale Kälte, Entfremdung und Generationenkonflikt kommen darin zum Ausdruck. Der Film wurde 2008 am Filmfestival von San Sebastian mit dem Hauptpreis, der Goldenen Muschel, ausgezeichnet.

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Crossing Europe Filmfestival Linz // 20. - 26. April 2009

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