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Montag, 27. April 2009

No repetition

Mit einem müdigkeitsbedingtem Sprachdefizit und rot unterlaufenen Augen, aber überaus gut gestimmt muss ich mich nun an den visuellen Entzug gewöhnen. Aber da bin ich unter rund 18.000 cinephilen BesucherInnen nicht die einzige.

Abschließend noch eine kurze Rückblende zu den zuletzt gesehenen Filmen: Einen Dokumentarfilm über eine bestimmte Musikkategorie zu machen, dazu gehört schon eine Portion Mut. INTROSPECTIVE nimmt die Schublade des Post-Rock auseinander und lässt dabei gleich den kompletten Schrank (bzw. Beschränktheit) der Musikkategorisierung in sich zusammenbrechen. Die Interviewbeiträge der stilistische extrem unterschiedlichen MusikerInnen und Produzenten, sind mit historischen Fakten und Zitaten untermalt. Eine schöne Musikstunde! Trotzdem kratzt man nur an der Oberfläche und auf den Frauenanteil wird auch wieder mal komplett gepfiffen.
Etwas ganz anderes thematisiert ein weiterer Film aus der Panorama-Filmkategorie. 35 RHUMS erzählt die Geschichte einer nahezu übertriebenen Vater-Tochter Beziehung und gewährt fast nebenbei auf einen sehr guten Einblick in das gesellschaftliche und politische Paris von heute. In ENFANTS DE DON QUICHOTTE (ACTE 1) zeigt sich ein weiteres Gesicht dieser Metropole. Diese in den kalten Wintermonaten 2006/07 stattgefundene Aktion konnte man auch hierzulande medial gut mitverfolgen. Der Kampf gegen Windmühlen ist zwar zermürbend, aber nicht aussichtslos! Da ich die Qualität eines guten Filmgespräches (wie auch bei diesem Film) sehr schätze, habe ich mir fest vorgenommen nächstes Jahr all jene anzusehen, die im Anschluss von Neil Young moderiert werden.
In MUEZZIN standen mir die Haare zu Berge. Einerseits durch den sehr eindringlichen sakralen Männergesang, andererseits durch die dargestellte stark patriarchale Gesellschaftsstruktur. Gesang gilt entweder als heiliger Akt oder als Sünde. Trotzdem gibt es auch noch das dazwischen. Dieser Film zeigt gekonnt eine der vielen interessanten Facetten der Türkei und sollte schon aufgrund des akustischen Klangerlebnisses in einem Kinosaal mit guter Soundanlage genossen werden. Die Rohfassung des Filmes wurde erst am Tag der Premiere fertig geschnitten und soll nach endgültiger Fertigstellung in den heimischen Kinos anlaufen.

An dieser Stelle muss auch mal Anerkennung und Lob an die FilmvorführerInnen ausgeprochen werden, die während des gesamten Festivals von Früh bis spät Nachts in den finsteren heißen Kämmerchen ihr bestes gegeben haben und überschrittene Deadlines von FilmemacherInnen ausmerzen mussten. Da sind auch kleine Pannen nicht vermeidbar. Ihnen und allen anderen die immer mit Bedacht drauf schauen, dass alles bestens funktioniert gebührt der TEAM MEMBER AWARD 2009!
Gratulation an die PreisträgerInnen der CROSSING EUROPE AWARDS 2009 – vor allem auch jenen des LOCAL ARTISTS AWARDS! Was diese Kategorie im speziellem betrifft, wäre eine Entlehnmöglichkeit für ansässige Filmschaffende und -interessierte wünschenswert. Barbara Musil als Gewinnerin des letzten Jahres, hat durch ihren CROSSING EUROPE TRAILER u.a. bei der Preisverleihung den Impuls für erheiternde Ansagen gegeben. Die nervlichen Strapazen zu Vorstellungsbeginn blieben dieses Jahr dank der angenehm unaufdringlichen visuellen und akustischen Umsetzung aus. Gestört wurde diese "Ruhe" nur vereinzelt von Mutigen die unter lauten Raschel-Attacken den K(r)ampf mit den Erdnussplasiksäckchen aufgenommen haben.

UNMADE BEDS gehört neben SOMERS TOWN zu meinen persönlichen Favorites des Festivals und sobald ich den hervorragenden Soundtrack dazu bekommen habe, werde ich die Zeit bis zum nächsten Crossing Europe gut überbrücken können!

Chlini Bilanz

Wie bereits Dan Rocker und Neil Young möchte auch ich eine kleine persönliche Festivalbilanz ziehen. Nach englisch und holländisch gibts bei mir e chlini Bilannz, was in etwa schwyzerdütsch sein sollte.

Aus privaten Gründen (Uni, Freundin) sind sich bei mir diesmal "nur" 11 Filme ausgegangen. Darunter drei sehr abwechslungsreiche Kurzfilmprogramme (1, 2 und 4 - 3 war immer ausverkauft und reizte mich auch nicht so sehr), auf die ich separat eingehen werde. Von den 8 übrigen Spiel- und Dokumentarfilmen würde ich folgende Reihung (nach subjektiven Ansprüchen und Qualitätskriterien) erstellen:

1.) Unmade Beds (R: Alexis Dos Santos)
sehr unterhaltsam, emotional, positiv, mitreißend, mitfühlend; gut gestrickte Handlung, sehr gute und sympathische Schauspieler, professionelle, anstandslose Umsetzung (Kamera, Schnitt), insbesondere hervorzuheben ist natürlich die Musik, die den Film teilweise unabhängig vom Schnitt geschnitten hat - was jedoch sehr gut gelungen ist und nicht störend, sondern eher spannend ist

2.) Superhelden (R: Janek Romero)
dramaturgisch aufgepeppte Doku die fast wie Spielfilm wirkt; aufgezogen an den "Superhelden" als Grundthema und einer Hauptperson als Spezialthema; Hauptereignisse sind die "Aktionen" der Superhelden sowie der G8-Gipfel - jeweils reale Aufnahmen; Widerstand, auch gewaltsamer (etwa am G8-Gipfel in Heiligendamm), wird (etwa durch mitreißende Rockmusik) als positiv dargestellt, was sicher kontroversiell betrachtet werden kann, aber auch Diskussions- und Reflexionsfördernd ist;

3.) Un autre Homme (R: Lionel Baier)
eine starke Frau (symbolisch: der Vogel) und ein schwacher Mann (symbolisch: ein unterwürfiger, aber listiger und zielstrebiger Fuchs) sind die Hauptpersonen dieses Films; satirisch, ironisch, symbolisch, zugespitzt, dramatisch; Die Kenntnis der Märchengeschichte "Renard" (Fuchs) ist jedoch Voraussetzung um die sehr präsente Symbolik des Films zu verstehen (und Baier ist leider nicht bei jeder Vorführung anwesend, um den Film zu erklären); aber auch so sehr unterhaltsam, nachdenklich (wie würde man selbst entscheiden? Eine "perfekt" handelnde Identifikationsfigur gibt es nicht) und sehenswert;

4.) Upper Austrians Without Borders (R: Micha Shagrir)
interessante Lebensgeschichten; starke Bilder, sich selbst entlarvende Persönlichkeiten (Flucht ins Glück in Namibia: "uns gehts gut - dem Rest der Welt leider nicht, aber das betrifft uns hier zum Glück nicht"; Aufopferung für Andere in Haiti: "es ist gefährlich, Frauen werden häufig entführt, mein Leben findet im Auto und zuhause statt - Zeit für Familie bleibt da nicht"; Verdrängung der eigenen Vergangenheit in Israel: "Ich rede kein deutsch. Bei der Arbeit waren mal Mechaniker aus Deutschland da, ich konnte mich nur auf englisch mit ihnen unterhalten. Doch leider haben sie meinen deutschsprachigen Akzent erkannt"); eher offenes Konzept, was eben Vorteile (gut aufgebaute Geschichten, gute Bilder) und Nachteile (viele, teils zentrale, Fragen ergeben sich, die jedoch ungestellt und unbeantwortet bleiben) bringt.

5.) Wrong Rosary (R: Fazil Coskun)
Hier steht mein Wort gegen den Entscheid der Jury; ähnlich wie bei Les Grandes Personnes eine etwas zu schlicht und ereignislos geratene Handlung. Eine dermaßen simple und schlichte Inszenierung ist zwar gewiss eine große Leistung von Drehbuch und Regie. Aber diesbezüglich kann ich dem Film nur das Kompliment machen, dass er trotz der schlichten Umsetzung der Handlung noch eine gewisse Grundspannung aufrecht erhalten kann. Gute Schauspieler, schöne Kulissen (Istanbul) und von der Dramaturgie wirklich ein Optimum der Minimalität. Die Dialoge sind rar und wortarm. Hintergründe, Gedanken, Beweggründe der Personen bleiben dadurch unklar; bis auf die Anfangsszene gibt es nur das Hier und Jetzt der drei Personen. Der Regisseur lässt sehr viel offen - nach meinem Geschmack zu viel. Den Regieentscheid kann ich aber dennoch nachvollziehen - eine Frage des bevorzugten Regiestils, der gewürdigt wird.

6.) Alle Anderen (R: Maren Ade)
Vermutlich deshalb nur auf Rang 6 bei mir, da ich es nicht aushalte, wenn sich die vermeintlichen Identifikationsfiguren so unmöglich benehmen. Diese Wertung auf Rang 6 ist also keine Herabschätzung der Leistung der Filmschaffenden, sondern lediglich eine Unverträglichkeit meinerseits auf die Negativität des Handlungsverlaufs. Für mich ist es gewissermaßen eine Art Anti-Kino, wie es mit Hanekes Funny Games so etwas wie Perfektion gefunden hat. Statt bestialischer, minutenlanger Mord- und Folterszenen ist es hier jedoch lediglich ein regelmäßiges asoziales Verhalten, das vor allem von der Hauptfigur an den Tag getragen wird, und ein harmonisches Liebesleben unnötig sabotiert. So hab ich den Film zumindest wahrgenommen, grob auf den Punkt gebracht (wobei ich sicher bin, das man hier noch viele andere Dinge sehen kann - was den Film wiederum zu einer interessanten Soziographie macht - aber wenn man einen schönen Abend verbringen will, kann ich den Film nicht weiterempfehlen)

7.) Les Grandes Personnes (Regie: Anna Novion)
etwas zu wenig Inhalt nach meinem Geschmack; zu unscharfe, oberflächlich gezeichnete Charaktere; wenig Spannung; die Ereignisse, die im Film ja durchaus vorhanden sind, werden so unspektakulär und oberflächlich abgehandelt, dass man sie kaum zur Kenntnis nimmt - eher das Gegenteil zu Unmade Beds, wo schon das Aufwachen ein großes Spektakel ist (Schauspiel, Drehbuch, Schnitt, Kamera - dort Totalleistung, hier Totalversagen); Ich bin sicher, das alles ist Ergebnis einer bewusst schlichten Inszenierung - nach meinem Geschmack ist sie allerdings zu schlicht geraten.

8.) Dead Snow (Regie: Tommy Wirkola)
Zombie-Nazis als einzige Attraktion ist eindeutig zu wenig für einen sehenswerten Film. Für Horror-Trash-Liebhaber aber sicher gut, sowas in der Sammlung zu haben. Handlung, Drehbuch, Regie und Umsetzung generell weicht keinen Millimeter von bekannten Konzepten ab. Ganz im Gegenteil: Schock-Szenen kommen überraschend selten vor; Vor allem der Vergleich mit [REC] aus dem letzten Jahr macht sicher: Wahrer, zeitgemäßer Film-Horror zum Fürchten und voll unaushaltbarer Spannung sieht anders aus.

Empfehlungen

Die ersten vier Filme meiner Rangliste empfehle ich unbedingt zum Sehen (optional, je nach Geschmack, nur die ersten zwei), sofern sie nach dem Festival in die Kinos kommen - was teilweise anzunehmen ist.

Ebenfalls gute Rückmeldungen habe ich zu den Filmen Stella (Sylvie Verheyde) und Eldorado (Bouli Lanners), die ich ebenfalls gern gesehen hätte, was zeitlich nicht möglich war.

Von den Kurzfilmen sind hervorzuheben:
- Drauf (R: Martin Music; eine fiktive Drogendoku, mal ganz was anderes, und dennoch sehr authentisch)
Matilda- Matilda, Musikvideo (R: System Jacquelinde; wie im Vorjahr Bust A Move ein durch sein simples Konzept, aber nahezu perfekte, visuell sehr reizende Umsetzung bestechendes Musikvideo)
- Hänsel & Gretel (R: Iris Hekel, Heinz Sambs; visuell großartig umgesetzt, großartiger Schnitt und Kamera)
- Dropping Furniture (R: Paul Horn, Harald Hund; einfach schön anzuschauen - gute Idee, gut umgesetzt; Potential zur Verwendung in einem Werbesport für ein Möbelhaus: fehlt nur noch der passende Werbespruch)
- 30 Pieces, Musikvideo (R: Antonin B. Pevny; guter Song und gutes Video - es lebe die Linzer Reggae/Ragga-Szene :))
A-Midsummer-Nightmare- A Midsmummer Nightmare, Musikvideo (R: Agnes Miesenberger; erinnert in seiner Nüchternheit und aberwitzigen Handlung rund um einen animierten Gegenstand - statt der Blur-Milchpackerl-Romanze in Coffee & TV sind es hier bedrohliche überdimensionale Nachtfalter, die die träumerisch musizierenden Musiker herausfordern)

Also bitte mehr davon, nächstes Jahr!

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Crossing Europe Filmfestival Linz // 20. - 26. April 2009

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